Zwischen Gewissheit und Wandel: Einblicke in forstliche Ausbildungswege
Eine aktuelle Studie untersucht, wie Studierende des Forstmanagements in Deutschland im Laufe ihres Studiums ein berufliches Selbstverständnis entwickeln. Dabei interessiert weniger der formale Lehrplan als vielmehr, wie Studierende ihre zukünftige Rolle sehen, welches Wissen sie als maßgeblich betrachten und wie sie sich als Teil der Forstwelt begreifen.
Bereits kurz nach Studienbeginn identifizieren sich viele Studierende stark mit dem forstlichen Beruf und verstehen sich als angehende Expert:innen und Teil der Forstwelt. Das zeigen Befragungen von Diana Cichecki, Hannes Weinbrenner und Stephanie Bethmann an mehreren Hochschulen in Deutschland. Die Studierenden übernehmen forstwissenschaftliches Wissen häufig als objektiv und eindeutig. Ihr Studium begreifen sie vor allem als Aneignung dieses Wissens. Andere Perspektiven auf den Wald treten im Verlauf des Studiums in den Hintergrund oder gelten als weniger wichtig.
In ihrer Studie untersuchen Diana Cichecki und Kolleg:innen, wie Studierende der Forstwirtschaft in Deutschland ihre zukünftige Rolle verstehen. Im Mittelpunkt steht die Frage, welches Wissen sie als gültig ansehen und wie sich Zugehörigkeit zur Forstwelt herausbildet. Grundlage sind qualitative Interviews mit Studierenden an Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Dabei stellen die Autor:innen klar heraus, dass die beforschten Hochschulen große Unterschiede aufweisen. Die folgenden Beobachtungen beschreiben deshalb vor allem übergreifende Tendenzen und lassen sich nicht auf jeden Einzelfall übertragen.
Offenheit und Abgrenzung
Viele Studierende übernehmen die im Studium angebotenen Sichtweisen relativ schnell. Sie deuten gesellschaftliche Konflikte um Wald und Forstwirtschaft häufig als Kommunikationsproblem. Kritik aus der Öffentlichkeit verstehen sie nicht als Ausdruck unterschiedlicher Werte oder Interessen, sondern eher als Folge mangelnder Information. Kommunikation erscheint vielen Studierenden als Prozess, in dem Förster:innen ihr Wissen erklären und andere dieses verstehen sollen. Zwar betonen sie die Bedeutung von Gesprächen auf Augenhöhe, reagieren auf Kritik jedoch eher abwehrend, statt sie als Lernanlass zu begreifen.
Die Spannung zwischen gewünschter Offenheit und gelebter Abgrenzung zeigt sich auch in der Gemeinschaft innerhalb der Forstwelt, die die Autor:innen auch „Forstblase“ nennen. Die Studierenden beschreiben diese „Forstwelt“ als in sich durchaus vielfältig. Zwar grenzen sie diese häufig klar von der übrigen Gesellschaft ab, innerhalb dieser Welt nehmen sie jedoch unterschiedliche Gruppen, Interessen und Lebensentwürfe wahr. Die oft beschworene „Forstfamilie“ entsteht in ihren Darstellungen daher weniger durch vollständige Einigkeit als durch eine gemeinsame Abgrenzung nach außen. Zugehörigkeit entsteht über Fachwissen, geteilte Überzeugungen, Selbstbilder und Lebensstile. Daraus kann auch Anpassungsdruck entstehen. Studierende, die stärker ökologische, soziale oder emotionale Aspekte betonen oder etablierte Sichtweisen hinterfragen, erleben sich häufiger am Rand dieser Gemeinschaft. Gerade Praktikumserfahrungen bestärken einige Studierende dann auch darin, sich beruflich außerhalb der klassischen Forstpraxis zu orientieren. Die anfängliche Vielfalt unter den Studierenden droht damit im Verlauf des Studiums abzunehmen.

Sowohl beim Management von Kahlflächen als auch bei Hochschulen gilt: Vielfalt fördern. (Foto: Knut Sturm)
Raum für kritische Fragen
Die waldbezogenen Werte der Studierenden verändern sich. Zu Beginn des Studiums betonen viele den Wert des Waldes oder die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Im Laufe des Studiums rückt der Nutzen des Waldes für den Menschen tendenziell stärker in den Mittelpunkt. Manche beschreiben ihr Förster:in-Werden deshalb als Abschied von früheren Haltungen – etwa einem emotionalen Zugang zum Wald oder größerer Offenheit für Kritik. Dabei könnten gerade diese Perspektiven im Umgang mit Klimawandel und gesellschaftlichen Erwartungen hilfreich sein.
Einige Studierende berichten, dass kritische Fragen in Lehrveranstaltungen nicht immer aufgegriffen werden. Sie wünschen sich eine offene Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven auf Wald und Forstwirtschaft, schildern jedoch Situationen in Lehrveranstaltungen oder Praktika, in denen Lehrende abweichende Positionen zurückweisen.
Umgang mit Unsicherheit im Klimawandel
Der Umgang der angehenden Förster:innen mit dem Klimawandel zeigt ebenfalls eine Ambivalenz. Die Studierenden benennen ihn als zentrale Herausforderung. Sie sehen sterbende Wälder, schwindende Gewissheiten und eine unsichere berufliche Zukunft. Zugleich halten sie an ihrem Vertrauen in die eigene fachliche Handlungsfähigkeit fest. Die Autor:innen unterscheiden drei typische Umgangsweisen: einen handlungsorientierten Zugang, der auf optimistisches Eingreifen setzt; einen Ansatz, der durch Ausprobieren und Fehler lernt; sowie eine von Frustration geprägte Haltung, bei der sich Studierende zwar als kompetent erleben, ihre Möglichkeiten aber durch äußere Faktoren begrenzt sehen.
Auch wenn der zweite Ansatz vorsichtiger vorgeht als die anderen, teilen alle drei die Annahme, dass forstliches Management Wälder aus der Krise führen kann. Die Studierenden verstehen sich auch unter unsicheren Bedingungen als qualifiziert und handlungsfähig.
Studierende wünschen sich Diskussion
Die Studie legt nahe, dass Fragen des Umgangs mit Unsicherheit, Widersprüchen und gesellschaftlicher Vielfalt im Studium bislang vergleichsweise wenig Raum einnehmen. Vieles lernen Studierende außerhalb des offiziellen Lehrplans – im Austausch mit anderen und durch unausgesprochene Regeln. Die Interviews zeigen jedoch erste Veränderungen: Der Wunsch nach kritischer Diskussion wächst, andere Perspektiven werden sichtbarer, haben aber noch keinen festen Platz in der Ausbildung.
Die Studie zeigt, wie stark Spannungen die professionelle Sozialisation im Forstbereich prägen: zwischen Offenheit und Abgrenzung, Wandel und Stabilität, Unsicherheit und Kontrollanspruch.
Unsere Einordnung: Hochschulen sollten Vielfalt im Denken und Handeln fördern
Cichecki und ihre Kolleg:innen greifen auf einen breiten Forschungsstand zu Denk- und Handlungsmustern im Forstbereich zurück und zeigen, wie sie sich bereits im Studium ausprägen. Angesichts des schnellen ökologischen Wandels und wachsender Unsicherheit wirkt die Übernahme der etablierten Sichtweisen aber manchmal wie eine verpasste Gelegenheit: Im Studium könnten angehende Forstleute eigene Positionen entwickeln. Das würde nicht nur den Studierenden nutzen, sondern auch Impulse für eine Praxis geben, die mit veränderten ökologischen und sozialen Bedingungen ringt. Vor diesem Hintergrund wirken die beschriebenen Umgangsweisen mit dem Klimawandel widersprüchlich: Die Studierenden erkennen Unsicherheit an, halten aber am Bild einer steuerbaren Natur fest.
Um solche Muster aufzubrechen, sollte das Studium Vielfalt gezielt fördern. Hochschulen sollten Räume schaffen, in denen Studierende Erfahrungen aus Lehre und Praxis reflektieren. Solche Formate würden helfen, eine Abkehr vom Berufsfeld zu vermeiden und unterschiedliche Perspektiven zu erhalten.
Die Studie zeigt zudem, wie eng Hochschulen mit der forstlichen Praxis verflochten sind. Das stärkt den Praxisbezug und fördert früh ein Gefühl der Zugehörigkeit. Das kann als Stärke betrachtet werden, erschwert jedoch auch kritische Distanz. Außerdem vermittelt die „Forstblase“ nach außen eine Geschlossenheit der Forstbranche, die innerer Vielfalt nicht gerecht wird. Das erschwert es, alle vorhandenen Ressourcen zu nutzen, um sich aktuellen Herausforderungen zu stellen. Gerade deshalb sollten Hochschulen auch Perspektiven von außerhalb der Forstwelt einbeziehen und gewohnte Deutungsweisen hinterfragen. Für einen tiefgreifenden Wandel braucht es zusätzlich auch politische Impulse. Eine selbstkritische, zeitgemäße Forstwirtschaft liegt im Interesse des Berufsstands und der Gesellschaft, die auf stabile, vielfältige Waldökosysteme angewiesen ist.
Autorin: Eva Blaise
Literatur
Diana Cichecki, Hannes Weinbrenner, and Stephanie Bethmann. „Becoming a forester. Exploring forest management students‘ habitus in the making.“ Forest Policy and Economics 172 (2025): 103407
Die Studie können Sie hier kostenfrei lesen:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1389934124002612



