Viel Tradition und festgewachsene Sichtweisen im Forststudium: Studierende vermissen kritische Diskussionen
Kritische Fragen und neue ökologische Sichtweisen auf den Wald in Zeiten des Klimawandels gehören kaum zum Studium von angehenden Försterinnen und Förstern. Eine Studie zeigt, wie überliefertes Denken und traditionelle Verhaltensweisen die Sozialisierung der nächsten Generation in der Forstwelt prägen.
Überliefertes Denken ist in der forstlichen Ausbildung tief verwurzelt. Bereits kurz nach Studienbeginn identifizieren sich viele Studierende stark mit dem forstlichen Beruf und verstehen sich als angehende Expert:innen und Teil der Forstwelt, zeigen Befragungen von Diana Cichecki und ihrem Forschungsteam an mehreren Hochschulen in Deutschland. Die Studierenden übernehmen forstwissenschaftliches Wissen als objektiv und eindeutig. Ihr Studium begreifen sie vor allem als Aneignung dieses Wissens und hinterfragen es selten kritisch. Andere Perspektiven auf den Wald treten im Verlauf des Studiums in den Hintergrund oder gelten als weniger wichtig.
In ihrer Studie untersuchen Diana Cichecki und Kolleg:innen, wie Studierende des Forstmanagements in Deutschland ein professionelles Selbstverständnis entwickeln. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Studierende ihre zukünftige Rolle verstehen, welches Wissen sie als gültig ansehen und wie sich Zugehörigkeit zur Forstwelt herausbildet. Grundlage sind qualitative Interviews mit Studierenden an Hochschulen für angewandte Wissenschaften.
In die „Forstblase“ kommen Studierende, wenn sie sich anpassen
Erstaunlich ist, wie kritiklos die Studierenden die im Studium angebotenen Sichtweisen übernehmen. Sie deuten gesellschaftliche Konflikte um Wald und Forstwirtschaft häufig als Kommunikationsproblem. Kritik aus der Öffentlichkeit verstehen sie nicht als Ausdruck unterschiedlicher Werte oder Interessen, sondern als Folge mangelnder Information. Für die Studierenden gleicht Kommunikation einer pädagogischen Einbahnstraße: Förster:innen erklären, andere sollen verstehen. Zwar betonen sie die Bedeutung von Gesprächen auf Augenhöhe, reagieren auf Kritik jedoch eher abwehrend, statt sie als Lernanlass zu begreifen.
Die Spannung zwischen gewünschter Offenheit und gelebter Abgrenzung zeigt sich auch in der Gemeinschaft innerhalb der Forstwelt, die die Autor:innen als „Forstblase“ beschreiben. Zugehörigkeit entsteht über Fachwissen, geteilte Überzeugungen, Selbstbilder und Lebensstile und erzeugt Anpassungsdruck. Studierende, die stärker ökologische, soziale oder emotionale Aspekte betonen oder etablierte Sichtweisen hinterfragen, erleben sich häufiger am Rand dieser Gemeinschaft. Praktikumserfahrungen bestärken viele darin, sich beruflich außerhalb der klassischen Forstpraxis zu orientieren. Die anfängliche Vielfalt unter den Studierenden nimmt im Verlauf des Studiums ab.

Sowohl beim Management von Kahlflächen als auch bei Hochschulen gilt: Besser mal die Vielfalt fördern. (Foto: Knut Sturm)
Kritische Fragen gelten als Störung und nicht als sachlich
Die waldbezogenen Werte der Studierenden verändern sich. Zu Beginn des Studiums betonen viele den Wert des Waldes oder die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Im Laufe des Studiums rückt der Nutzen des Waldes für den Menschen in den Mittelpunkt. Viele beschreiben ihr Förster:in-Werden deshalb als Abschied von früheren Haltungen – etwa einem emotionalen Zugang zum Wald oder größerer Offenheit für Kritik. Dabei könnten gerade diese Perspektiven im Umgang mit Klimawandel und gesellschaftlichen Erwartungen hilfreich sein.
Zugleich berichten Studierende, dass kritisches Hinterfragen im Studium kaum Raum erhält. Sie wünschen sich eine offene Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven auf Wald und Forstwirtschaft, schildern jedoch Situationen in Lehrveranstaltungen oder Praktika, in denen die Lehrenden die abweichenden Positionen zurückweisen. Kritische Fragen gelten als Störung etablierter Sichtweisen und nicht als fachliche Auseinandersetzung.
Klimawandel? Können wir managen!
Der Umgang der angehenden Förster:innen mit dem Klimawandel zeigt ebenfalls eine Ambivalenz. Alle Studierenden benennen ihn als zentrale Herausforderung. Sie sehen sterbende Wälder, schwindende Gewissheiten und eine unsichere berufliche Zukunft. Zugleich halten sie an ihrem Vertrauen in die eigene fachliche Handlungsfähigkeit fest. Die Autor:innen unterscheiden drei Umgangsweisen: einen handlungsorientierten Zugang, der auf Eingreifen setzt; einen Ansatz, der durch Ausprobieren und Fehler lernt; sowie eine von Frustration geprägte Haltung, bei der sich Studierende zwar als kompetent erleben, ihre Möglichkeiten aber durch äußere Faktoren begrenzt sehen.
Auch wenn der zweite Ansatz vorsichtiger vorgeht als die anderen, teilen alle drei die Annahme, dass forstliches Management Wälder aus der Krise führen kann. Die Studierenden verstehen sich auch unter unsicheren Bedingungen als qualifiziert und handlungsfähig.
Studierende wünschen sich andere Perspektiven und Diskussion
Die Autor:innen stellen fest, dass die forstliche Ausbildung nur begrenzt Kompetenzen vermittelt, die für den Umgang mit Unsicherheit, Widersprüchen und gesellschaftlicher Vielfalt nötig sind. Vieles lernen Studierende außerhalb des offiziellen Lehrplans – im Austausch mit anderen und durch unausgesprochene Regeln. Die Interviews zeigen jedoch erste Veränderungen: Der Wunsch nach kritischer Diskussion wächst, andere Perspektiven werden sichtbarer, haben aber noch keinen festen Platz in der Ausbildung.
Die Studie zeigt, wie stark Spannungen die professionelle Sozialisation im Forstbereich prägen: zwischen Offenheit und Abgrenzung, Wandel und Stabilität, Unsicherheit und Kontrollanspruch.
Fazit: Hochschulen sollten Vielfalt im Denken und Handeln fördern
Cichecki und ihr Team greifen auf einen breiten Forschungsstand zu Denk- und Handlungsmustern im Forstbereich zurück und zeigen, wie sie sich bereits im Studium ausprägen. Angesichts des schnellen ökologischen Wandels und wachsender Unsicherheit wirkt die Übernahme der etablierten Sichtweisen wie eine verpasste Gelegenheit: Im Studium könnten angehende Forstleute eigene Positionen entwickeln. Das würde nicht nur den Studierenden nutzen, sondern auch Impulse für eine Praxis geben, die mit veränderten ökologischen und sozialen Bedingungen ringt. Vor diesem Hintergrund wirken die beschriebenen Umgangsweisen mit dem Klimawandel widersprüchlich: Die Studierenden erkennen Unsicherheit an, halten aber am Bild einer steuerbaren Natur fest.
Um solche Muster aufzubrechen, sollte das Studium Vielfalt gezielt fördern. Hochschulen sollten Räume schaffen, in denen Studierende Erfahrungen aus Lehre und Praxis reflektieren. Solche Formate würden helfen, eine Abkehr vom Berufsfeld zu vermeiden und unterschiedliche Perspektiven zu erhalten.
Die Studie zeigt zudem, wie eng Hochschulen mit der forstlichen Praxis verflochten sind. Das stärkt den Praxisbezug, erschwert jedoch kritische Distanz. Gerade deshalb sollten Hochschulen auch Perspektiven von außerhalb der Forstwelt einbeziehen und gewohnte Deutungsweisen hinterfragen. Alternative Lehrangebote wie die European Natural Forest School der Naturwald Akademie oder der Studiengang Sozialökologisches Waldmanagement an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde setzen solche Impulse, sind jedoch Ausnahmen in einer traditionsbewussten und homogenen Forstwelt. Für einen Wandel braucht es deshalb auch politische Impulse. Eine selbstkritische, zeitgemäße Forstwirtschaft liegt im Interesse des Berufsstands und der Gesellschaft, die auf stabile, vielfältige Waldökosysteme angewiesen ist.
Autorin: Eva Blaise
Literatur
Diana Cichecki, Hannes Weinbrenner, and Stephanie Bethmann. „Becoming a forester. Exploring forest management students‘ habitus in the making.“ Forest Policy and Economics 172 (2025): 103407
Die Studie können Sie hier kostenfrei lesen:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1389934124002612



